Es gibt Nachrichten die machen die Runde im Internet und man bildet sich schnell eine Meinung dazu. Da ist es dann ganz praktisch wenn man gerade andere Dinge um die Ohren hat, dadurch ein paar Tage ins Land ziehen und zusätzliche Erkenntnisse das Bild weiten. Kurz formuliert, man muss die Dinge auch mal im Zusammenhang sehen.
Seit Jahren versuchen die Verbraucherzentralen die Haftung beim Diebstahl von EC-Karten zum Vorteil der Bestohlenen klären zu lassen. Die Banken sehen das nicht gerne und sind der Ansicht, dass das System mit dem die PIN gesichert ist keinen Missbrauch zulässt. Folglich ist der Besitzer der EC-Karte selbst verantwortlich wenn nach einem Diebstahl der Karte mit dieser Geld abgehoben wird. Zwei nachvollziehbare Auffasungen, von denen die Meinung der Banken jetzt vom OLG Frankfurt a. M. bestätigt wurde.
Freitag, 8. Februar 2008
Mit Brecht zum Finale
Bedeutet im Klartext: Kann der bestohlene Bankkunde nichts gegenteiliges nachweisen, darf die Bank davon ausgehen, dass er fahrlässig seine PIN zur Verfügung gestellt hat. Juristisch nennt sich das wohl "Anscheinsbeweis", für den bestohlenen bedeutet es u.U. den Verlust einer großen Geldsumme. Nun kennen wahrscheinlich alle die Geschichte von Leuten die sich der Einfachheit halber die zugehörige PIN auf die Karte schreiben oder einen Zettel im Geldbeutel als Merkhilfe verwenden. Die gibt es, so wie es einfach für jede Ungeschicklichkeit jemanden gibt, des sie begeht. Darf das aber dazu führen, dass pauschal alle Geschädigten für so leichtsinnig gehalten werden?
Das OLG hat es sich bei der Entscheidung auf den ersten Blick nicht leicht gemacht und einen Sachverständigen vom BSI befragt ob es möglich ist die PIN mit Hilfe der Daten auf dem Magnetstreifen der EC-Karte zu "knacken". Der Sachverständige beurteilte das System als sicher und für das OLG war damit das Ende der Beweisaufnahme erreicht und schloss damit weitere Betrugsmöglichkeiten aus. Dass es die gibt und immer mehr Betrugsfälle vorkommen, rund 10000 im letzten Jahr, erfahren wir von SPON.
Jetzt frage ich mich ganz praktisch wie soll jemand dessen EC-Karte gestohlen und mit der kurz darauf Geld abgehoben wurde nachweisen, dass in seinem Fall Betrug und nicht Fahrlässigkeit vorliegt. Das ist praktisch ausgeschlossen, da helfen auch keine Kameras an den Geldautomaten, es gibt einfach zu viele Geräte die man manipulieren kann um an die PIN zu kommen. In jedem Laden stehen EC-Kartenleser rum und mit ein wenig UV-empfindlicher Farbe kann man die gedrückten Tasten noch erkennen wenn der Kunde schon auf dem Weg zum Parkplatz. Jetzt noch einen fingerfertigen Taschendiebe auf das Opfer angesetzt und nur Minuten später ist das Konto geplündert. Ist das jetzt atypisch? Wenn es nach den Banken geht wahrscheinlich nicht, denn dem Betrogenen fehlt wahrscheinlich die komplette Geldbörse in der ganz bestimmt ein Zettel mit der PIN eingelegt war.
Nun wäre es wahrscheinlich Zeit für das allfällige Brecht-Zitat, das spare ich mir aber - kennt ja eh jeder. Stattdessen will ich mich der Frage widmen wer ein Interesse daran hat, dass EC-Kartten genutzt werden. Wägt man die Vorteile für die Kunden mit denen der Banken ab, stellt man fest, dass die Banken eigentlich die sind, die am meisten davon profitieren. In den Bankfilialen wird weniger Bargeld benötigt, das spart Tresore, Wertransporte und Kassenschalter ein. Ebenfalls praktisch ist, dass auf den Kundenkonten mehr Geld liegen bleibt, da bei der Bezahlung mit EC-Karte ja keine Geldvorräte mehr zu Hause gebunkert werden müssen. Aber es ist doch so praktisch, dass man immer mit EC-Karte bezahlen kann, auch wenn man gerade kein Bargeld dabei hat, mag man einwerfen. Praktisch ist es schon, nur für wen ist die Frage. Auch der Einzelhändler freut sich wenn er nicht so viel Bargeld jonglieren muss. Der Konsum wird dadurch jedenfalls nicht gesteigert, denn mehr Geld als man hat, kann man auch nicht ausgeben. Gleichwohl ist natürlich das Phänomen zu beobachten, dass es Menschen gibt, die durch die ganzen EC-Karten-Zahlungen die Kontrolle über ihre finanzielle Situation verloren haben. Aber auch hier freut sich nicht zuletzt die Bank über die hohen Überziehungszinsen und den Kredit der zur Ausgleich der Misere an den Schuldner gebracht werden kann.
Darf man deswegen den Banken die Schuld an den EC-Karten-Betrügereien geben? Das sicher nicht, was man aber von den Banken fordern kann ist Verantwortung zu übernehmen für eine Entwicklung die sie selbst massgeblich geprägt haben. Dazu eine kleine Anekdote aus meinen Bankerfahrungen: Vor einigen Monaten benötige ich eine grössere Menge Bargeld und ging deswegen zur Bank. Nun sehe ich die Schalterhalle nicht sehr oft von innen und fand daher den Kassenschalter nicht. Eine Angestellte die ich danach fragte, riet mir zu einem "speziellen" Automaten, der auch große Scheine auszahlen kann. Mein Einwurf, dass ich mich wohler fühlen würde die Summe von einem Menschen vorgezählt und überreicht zu bekommen, erwiderte sie mit einem Briefumschlag den sie mir überreichte und anbot ich könnte das Geld ja danach unbeobachtet in ihrem Büro zählen. Das beweist zwar einerseits ein gewisse Kundenorientierung, andererseits aber auch wie sehr die Banken ihre Geschäfte auf die elektromechanischen Geldzähler eingestellt haben und diesen blind vertrauen. Was aber macht jemand, der keine EC-Karte will, weil ihm das Risiko zu groß ist betrogen zu werden? Darauf wusste mir die nette Bankangestellte auch keine Antwort, meinte nur, dass mit der EC-Karte ja auch nicht mehr das Risiko hätte, dass einem das Bargeld geraubt würde. Das nenne ich wahre Argumentationskunst im Kundenkontakt, ist ja auch vollkommen egal wenn stattdessen die EC-Karte gestohlen wird und damit möglicherweise noch mehr Geld gestohlen wird.
Da können wir doch froh sein, dass die Banken ihre Schalterräume mit Kameras zupflastern um uns Kunden Sicherheit zu geben. Dumm nur, dass es nichts nutzt. Die Manipulationen an den Geldautomaten passieren während die Kameras zusehen und der Diebstahl von EC-Karten finden in der Regel ausserhalb der Reichweite von Kameras statt. Ein Glück, dass eine Bank in Stuttgart entdeckt hat was man mit der teuren Überwachungselektronik noch alles machen kann. Ob das nun kindliche oder tierische Exkremente waren um die es ging, man hat bei der Bank schnell erkannt, dass das nicht als Faschingsulk durchgeht und die Forderung wieder zurückgenommen. Ein Blick auf den Wortlaut der Presseerklärung entlarvt die Denkweise der Bank. Als Ursache der PR-Desasters wird die Erstattung der Reinigungskosten ausgemacht, kein Wort der Entschuldigung dafür, dass man den Datenschutz mit Füssen getreten hat. Man muss es wirklich so drastisch formulieren, für einen Haufen Scheisse wird der Datenschutz ignoriert und bei aufkommender Kritik aufs Geld reduziert. Das lässt leider zu tief blicken und sollte uns warnen. Wo Daten erhoben werden wird über kurz oder lang der Datenschutz selbst für Lapalien in die Tonne getreten werden. Daran ändern keine noch so überzeugend vorgebrachten Beteuerungen etwas. Diese Bank hat es getan, bei den Mautdaten ist es passiert und auch bei den Daten die im Rahmen der Vorratsdatenspeicherung anfallen wird der Grundsatz "nur bei schweren Straftaten" früher oder später ignoriert werden.
Zum Schluss gibt es jetzt doch noch ein Brecht-Zitat: "Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!"
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