Aus einer Mail von heute:
Warum schreibst Du eigentlich nichts über den Milchstreit von Aretsried? Das ist doch ganz in der Nähe bei Dir, so ein Thema darf man sich doch nicht entgehen lassen.
Worauf der Sender der Mail anspielt ist der kleine Bauernkrieg, der sich in den letzten beiden Wochen im westlichen Landkreis Augsburg abgespielt hat. Los ging es damit, dass die Molkerei Müller eine andere Vorstellung zu Lieferverträgen hatte wie der Vorstand der MEG (Milcherzeugergemeinschaft) Augsburg-West. Um ihrer Sicht der Dinge Nachdruck zu verschaffen, organisierte die MEG zusammen mit dem Bayerischen Bauernverband (BBV) eine Demonstration, bei der symbolisch die Fairness zu Grabe getragen wurde. Das fand wiederrum die Geschäftsführung von Müllermilch gar nicht lustig und
verkündete das Ende der Kooperation mit der MEG. Den Mitgliedern der MEG wurde der Austritt aus selbiger nahegelegt, zur Belohnung lockte die Molkerei mit Einzellieferverträgen, die höhere Preise versprachen. Dieser Aufforderung folgten 30 Landwirte, deren Milch wird weiterhin von Lastern der Firma Müller abgeholt. Die Milch der Bauern, die nach wie vor zur MEG stehen, wird zukünftig
über den Milchgroßhändler Oberland in Miesbach vermarktet.
Aber die Frage war ja warum ich darüber nichts schreibe. Die Antwort ist recht einfach. Das Thema wird in den
Massenmedien schon so weit
behandelt, dass die groben Fakten eigentlich jedem bekannt sein dürften. Mit meiner Meinung zu den Vorgängen wäre niemandem geholfen gewesen. Denn vom ersten Tag an war klar wie das alles laufen wird. Das Geplänkel, das medienwirksam veranstaltet wurde, war nichts anderes als eine Provinzposse.
Jeder der Beteiligten verkauft das Ergebnis als seinen Sieg. Die MEG ist froh, dass sie jetzt nur noch verlässliche Mitglieder hat und Müllermilch hat immer noch Lieferanten die stolz darauf sind, dass der Müller-Laster auf den Hof fährt. Einen wirklichen Sieger gibt es nicht. Höchstens ein paar Speditionen können jetzt am Transport verdienen. Denn irgendwie muss die Milch auch in Zukunft nach Aretsried kommen und von selbst fliesst sie auch nicht von den MEG Mitgliedern ins oberbayerische Miesbach. Ich würde mich auch gar nicht wundern wenn der eine oder andere Liter von Miesbach aus wieder in die Molkerei Müller findet - der Spotmarkt kennt einfach kein Gewissen.
Damit will ich nicht sagen, dass die Bauern hätten klein bei geben sollen. Ganz im Gegenteil. Nur sollte man nicht vergessen, dass die gleichgültige Haltung, gegenüber der Müller'schen Geschäftspolitik (gerade auch von Seiten der Lieferanten!), in den letzten Jahrzehnten ganz wesentlich dazu beigetragen hat, dass die Molkerei eine so starke Machtposition einnehmen konnte. So etwas kehrt man nicht mit ein wenig Geplänkel und Verbandspopanz ins Gegenteil um. Dafür ist mehr Zeit, Energie, Konsequenz und vor allem Solidarität unter den Milchbauern notwendig. Immer wenn er darauf ankommt, mangelt es gerade Solidarität. Es ist eben doch etwas einfacher sich, mit schwarzem Anzug und Sonntagsreden bewaffnet, solidarisch zu geben, als wirklich zum Äussersten zu gehen und einen Milchstreik durchzustehen.
Ein Gutes hatte das Theater aber doch, das Thema war in den Medien präsent und einige Verbraucher dürften kapiert haben, dass der grosse Reibach mit der Milch nicht von den Landwirten gemacht wird. Zumindest kenne ich keinen Milchbauer, der wegen der hohen Steuerlast hierzulande, in die Schweiz genötigt wurde.
Gut erkannt: Das Duckmäusertum, das bei den Lieferanten seit langer Zeit üblich ist darf man getrost als eine Ursache für das Gebahren der Geschäftsleitung ansehen. Immerhin haben es jetzt mal ein paar Bauern durchgezogen und ihren Unmut gezeigt. Von den nicht-organisierten Lieferanten hätten sie sich aber mehr Unterstützung erwarten können.
Man darf aber auch eines nicht vergessen, es waren noch nie alle Lieferanten von Müller in einer MEG organisiert. Vor allem grosse Betriebe haben Einzelverträge. So weit mir bekannt ist, stellte die MEG am Standort Aretsried rund ein Drittel der verarbeiteten Milchmenge. Das hört sich nach viel an, rechnet man aber die anderen Standorte von Müller dazu, sind es gerade noch 3%. Das sind die sprichwörtlichen Peanuts, das lässt sich über den Spotmarkt einfach besorgen.
Ein Boykott würde nur dann zum Ziel führen wenn auch die unorganisierten Lieferanten mitziehen. Da haben wir dann aber wieder das Jacke-Hose-Problem.
Immer daran denken, der Milchmarkt ist weit entfernt von den Regeln der Marktwirtschaft. Die Milchmenge ist künstlich begrenzt und somit bekannt. Verschärfend kommt hinzu, dass die Milcherzeuger fleissig überliefern und damit die Preise kaputt machen. Aber das Thema Solidarität hatten wir ja schon ...