
Unter dem Beifall von 7000 Landwirten, hat gestern der Vorsitzende des
BDM (Bundesverband der Milchviehalter) den Milchboykott nach 10 Tagen für beendet erklärt. Ob der Protest nachhaltig für höhere Zahlungen an die Milcherzeuger sorgt, wird die Zukunft zeigen. Als Etappensieg darf die Aktion in jeden Fall schon jetzt gelten. Der
BDM hat gezeigt, dass es durchaus auch für Landwirte legitim ist ihren Unmut zu äussern. Dabei wurde ganz nebenbei auch das notorische Zaudern des
DBV (Deutscher Bauernverband) vorgeführt, der mit seinen Good-Will-Aktionen nur schwerlich mit dem Protest mitzuhalten wusste. Verbandspräsident Gerd Sonnleitner suchte vergeblich nach Profil für sich und seinen Verband. Zu sehr wird jetzt wohl klar, dass die Politik, die der
DBV verfolgt hat, an den Erwartungen der Landwirte vorbeigegangen ist und auch die Konsumenten sind plötzlich zum Schulterschluss mit den Bauern bereit sind, ohne, dass der
DBV dafür ein Solidaritätsbratwurstessen veranstalten darf. Vorläufiger Tiefpunkt ist die Rede Sonnleitners zum gestrigen "Aktionstag Milch". Am Beispiel der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern plädierte er dafür, dass die Nahrungsmittelproduktion in der BRD nicht durch billige, weil subventionierte, Importe zu Grunde gerichtet werden darf. Ist das jetzt echter Gesinnungswandel, Anbiederung an die Volksmeinung oder einfach nur Verbandspolemik bei der Subventionen danach beurteilt werden ob sie für einen selbst gut sind.
Wie auch immer, fakt ist, dass der
BDM mit seinem Boykottaufruf wahrscheinlich mehr für die Milchbetriebe erreicht hat, als Bauernverband und Politiker in den letzten 10 Jahren. Damit sich die Gesamtsituation bessert ist aber noch mehr notwendig als Versprechungen des Handels erneut Preisverhandlungen zu führen. Zweifellos bieten höhere Verkaufspreise die Chance, dass die Landwirte mehr für den Liter Milch bekommen. Während des Boykotts wurden eilends Umfragen gemacht um die Meinung der Verbraucher zum Thema Milchpreis zu erfahren. Je nach Umfrage kam heraus, dass 80 - 90% der Konsumenten einen höheren Preis akzeptieren wenn er den Bauern zu Gute kommt. Was die Befragten dabei wahrscheinlich im Hinterkopf hatten, war der Familienbetrieb mit 40 Kühen, den der
BDM als Berechnungsgrundlage für sein 43 Cent Modell verwendet hat. Ein Bestand von 40 Milchkühen kommt so in etwa an den durchnittlichen Bestand in der BRD hin, sagt aber rein gar nix. Schauen wir uns mal die Bestände aus dem Jahr 2005 (Quelle: Statistisches Jahrbuch 2007) an:
| Bestand pro Betrieb | Anzahl Betriebe | Gesamtzahl Tiere | durchschn. Bestand |
| 1 - 19 | 40400 (36,6%) | 443400 (10,5%) | 11 |
| 20 - 49 | 46000 (41,7%) | 1441200 (34,0%) | 31 |
| 50 - 99 | 19100 (17,3%) | 1267100 (29,9%) | 66 |
| > 100 | 4900 (4,4%) | 1084300 (25,6%) | 221 |
Am Beispiel der ersten Zeile erklärt: 2005 gab es 40400 Betriebe, die zwischen einer und 19 Kühen hatten, insgesamt waren 443400 Kühe auf solchen Betrieben und im Durchschnitt standen 11 Kühe im Stall. Zur Interpretation, der typische Betrieb laut BDM findet sich in der zweiten Zeile. Angenommen man könnte alle der 46000 Betriebe über einen Kamm scheren, wäre für 41,7% Betriebe die Kostendeckung zu erreichen. Was ist mit den übrigen? Betriebe mit mehr als 100 Kühen haben auch bei den aktuell niedrigen Erlösen kaum Schwierigkeit kostendeckend zu arbeiten. Schaut man sich den Viebestand an, so stellt man fest, dass ein Viertel aller Milchkühe in solchen Betrieben stehen. Die würden zwangsläufig ebenfalls von den höheren Erlösen profitieren. Da habe ich meine Zweifel, dass der typische Konsument das auch gutheissen wird. Mit der gleichen Argumentation muss man sich fragen ob die kleinen Betriebe überhaupt mit 43 Cent klarkommen können.
Das soll kein Plädoyer für niedrige Milchpreise sein, ganz im Gegenteil. Die Frage die sich stellt ist ob der höhere Preis allein reicht und wer den Preis bestimmt. Handel und Molkereien sind der festen Überzeugung, dass der Weltmarkt und das Verbraucherverhalten die entscheidenden Kriterien sind und überhaupt ist ja alles Marktwirtschaft. Tatsächlich läuft das so ab, dass die Discounter die untere Grenze des Preises bestimmen, denn über deren Kassen laufen mehr als die Hälfte der verkauften Milchprodukte. Davon knappsen sich die Molkereien ihren Teil an Unkosten und Gewinn, der traurige Rest bleibt den Milchbauern.
Selbst wenn jetzt 10 oder gar 20 Cent höhere Verkaufspreise erreicht werden, fehlt ein Instrument mit dem die Verbraucher, denen es wirklich ernst ist, in die Lage versetzt werden gerechte Bezahlung der Milchbauern als Qualität zu erkennen und danach ihren Konsum zu bestimmen. Die Frage ist auch was in dem Zusammenhang gerecht ist. Ein Großbetrieb der den Liter Milch für unter 30 Cent erzeugt, hat eine andere Vorstellung vom Milchgeld, als der Modell-Familienbetrieb des
BDM. Aber was wenn ausgerechnet der Großbetrieb an eine Molkerei mit teuren Premiummarken liefert und die Milch aus dem Familienbetrieb nur für Discounter abgepackt wird? Eine mögliche Lösung wäre vielleicht das Milchgeld von den Entstehungskosten abhängig zu machen. Bei Lichte betrachtet wirft das aber auch wieder ein Problem auf: Es entspricht Produktionssubventionen und die Betriebe hätten keinen Anreiz mehr wirtschaftlich zu handeln. Auch die stärkere Beteiligung der Bauern an der Wertschöpfungskette ist zum Scheitern verurteilt. Bei vielen Molkereien sind die anliefernden Milchbauern, z.B. in Form einer Genossenschaft, beteiligt. Sofern eine Ausschüttung des Gewinns erfolgt, übersteigt der Anteil des Einzelnen selten 100 Euro pro Jahr und auch um die Mitbestimmung der Firmenpolitik ist es in der Praxis nicht gut gestellt.
Ein Pauschalrezept gibt es wahrscheinlich nicht. Zu sehr unterscheiden sich die einzelnen Betriebe und die Strukturen in denen sie wirtschaften. Der Weg der jetzt mit den hoffentlich höheren Verkaufspreisen für Milch gegangen wird, ist ein Anfang, der für einige Betriebe das Überleben sichern könnte. Viele kleine Milchbauern werden aber trotzdem ihre Quote verkaufen und die Felder verpachten müssen. Das ist wohl der Lauf der Dinge ob es einem gefällt oder nicht. Die Möglichkeiten dem Prozess entgegenzuwirken sind begrenzt und die Zeiten in denen das wirksam hätte passieren können, sind wohl schon vorbei. Für die Landwirte, die noch an ihre Arbeit glauben und sich zu jung für den Altenteil fühlen, heisst es jetzt anpacken und nach Alternativen suchen.
Gerade für kleinere Betrieb liegt vielleicht die Zukunft immer noch in der Marktlücke. Direktvermarktung ist bei Milch ein schwieriges Thema, trotzdem sollte man einen Blick darauf riskieren.
Die Umstellung auf Bio ist lohnenswerter denn je. Nicht nur, dass der Auszahlungspreis höher ist als für konventionelle Milch. Bei Bio Konsumenten sind höhere Preise für bessere Qualität schon lange am Markt akzeptiert.
Überleben durch Kooperation. Auch wenn es bedeutet über den eigenen Schatten springen zu müssen, viele kleine ergeben einen grossen Betrieb, mit vergleichsweise niedrigeren Unkosten.
Ansonsten bliebe vielleicht noch den Spieß einfach umzudrehen. Die Milchbauern sind ja nicht der Anfang der Wirtschaftskette. Wenn die Molkereien nur das bezahlen wollen, was die Milch ihrer Meinung nach Wert ist, dann könnte man diese Politik ja auch auf die Lieferanten der Landwirte übertragen. Ich habe nur den Verdacht, die lassen sich das nicht so lange gefallen
Noch eine kleine Zahlenspielerei zum Schluss. 2006 wurden in der BRD 27,2 Mio t Milch verarbeitet, 56% davon in den Top 10 der deutschen Molkereiunternehmen, 44% verteilten sich auf die übrigen 91 Unternehmen. Quellen:
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Wie sieht es denn mit Käse aus?
Bei guter Vernetzung von Produzenten und Konsumenten untereinander könnte man auch recht preiswerte Verteilunssysteme (Transport, Alternative zu Postversand) entwickeln, auch Einkaufsgemeinschaften.
In grösserem Umfang muss immer auch Veredelung geschehen. Käse ist da sicher ein Weg, wenn auch handwerklich anspruchsvoll. Einfacher wäre vielleicht Eis, aber was macht man dann im Winter?