
Zu später Stunde versammelten sich gestern rund 90 Landwirte auf dem Lechfeld bei Kleinaitingen, um gegen die niedrigen Erzeugerpreise bei Milch zu protestieren. (Bilder bei
ipernity +
flickr) Der Ort war taktisch gewählt, da sich in direkter Nähe ein großes Ausliefungslager von Aldi-Süd befindet. Die Discountern tragen ja bekanntlich wesentlich zur Preisschlacht bei. Damit die Nacht wenigstens ein wenig erhellt wurde, hatte man für ein Mahnfeuer gesorgt um das sich die Anwesenden versammelten und das dann auch der Schauplatz der Reden von Stefan Mögele und Johann Schamberger war.
Worum es in den Reden ging war selbstverständlich klar, die Landwirte sehen sich einmal mehr in ihrer Existenz bedroht. Von Betriebsschliessungen sprechen nicht nur die Redner, auch unter den Zuhörern fällt das Stichwort "aufhören" oft. Die Schuldigen dafür sind schnell ausgemacht, Handel und Politiker gelten als die Unheilsbringer. Ein schnelle These, die gerne nachvollzogen und beklatscht wird. Woran es fehlt ist die Perspektive und das scheint auch symptomatisch für die gehaltenen Reden zu sein. Lösungen jenseits von "wir brauchen mehr Geld zum Überleben" sind an diesem Abend leider Fehlanzeige, dabei barg die Länge der Reden durchaus die Möglichkeit konkret zu werden. Darüber sollten sich die betroffenen Landwirte schleunigst Gedanken machen. So wichtig so eine Veranstaltungen für die Solidarität unter den Betroffenen ist und Aufmerksamkeit verschafft, so müssen auch Lösungen aufgezeigt werden. Die heutige Situation ist nicht nur die Folge einer falschen Politik, sondern auch das Resultat, dass sich viele Landwirte immer nur den Gegebenheit gefügt und keine Strategien jenseits des Masse gesucht haben.

Wie es gehen kann, zeigte zum Abschluss Susanne Mairhörmann vom
Milch-Board auf. In freier Rede und ohne herumnesteln im Manuskript, stellte sie das
Milch-Board als das Instrument gegen das Preisdiktat des Handels und der Molkerein vor und betonte, dass es an der Zeit ist selbst die Initiative zu ergreifen. Formal ist das
Milch-Board eine Erzeugergemeinschaft, die als Interessenvertreter der beteiligten Milchbauern, die Preisverhandlungen mit den Molkerein führen darf. Vorausgesetzt viele Milcherzeuger treten dem
Milch-Board bei, entstünde ein Gegengewicht zur Marktdominanz der Molkerein. Einziges Hindernis sind bisher die Milchbauern, die nur sehr zögerlich bereit sind dem
Milch-Board beizutreten. Bleibt zu hoffen, dass sich die anwesenden Milchbauern dem Appell zum Beitritt anschliessen.
So. Nun zur Generalabrechnung. Wenn hinter der gestrigen Aktion ein PR-Berater steckt, sollte der dringendst in Klausur gehen. Falls nicht, will ich die persönliche Betroffenheit und Verzeiflung zugutehalten. Trotzdem:
Wer kommt denn bitte auf die bescheuerte Idee so etwas bei Dunkelheit zu veranstalten? Wenn es dann kaum Bilder und Videos davon gibt, ist das nur die logische Folge, die dann zwangsläufig in geringer Presseresonanz mündet. Noch dazu Kilometer jenseits einer Siedlung. Wer soll davon etwas mitbekommen, etwa die zwei LKW Fahrer, die um diese Zeit noch ins Aldi-Lager fahren?
Apropos Presse. Wenn sich trotz sparsamer Pressearbeit doch Journalisten einfinden, ist es nicht sehr geschickt mit Thesen von "mangelnder Pressefreiheit" zu kathedern. Weil es nämlich genau jene Freiheit ist, die dazu geführt hat, dass sich heute fast die gesamte Agrarjournalie in der Kontrolle des
Bauernverband befindet. Eben jenes Interessenvertreters, der über Jahrzehnte auch von denen angefütterte wurde, die erst jetzt feststellen, welche Interessen von ihm wirklich vertreten werden.
Wer gegen Sonntagsreden von Politikern wettert, sollte selbst keine halten. Was da gestern erzählt wurde, war eine fürchterlich dünne Brühe und in meinen Augen teilweise argumentativ gefährlich nahe am rechten Rand. Es ist kein Nationalprotektionismus notwendig, sondern Solidarität. Die Rednerin vom
Milch-Board hat den richtigen Weg geschildert. Mehr von ihrer Sorte und die ganzen Schlepperparaden hätten ein Ende.
Ein Ende hätten dann hoffentlich auch diese unsäglichen "Milchausschüttaktionen". Das Argument, das müsse man für die Presse machen ist geschenkt. Sind denn immer die anderen für alles verantwortlich und wer hat denn bitte das erzählt, dass so etwas auch nur einer sehen möchte? Das sind die Bilder, die niemand versteht und keinerlei Unterstützung bei den Konsumenten finden.
Gibt es sowas im "Westen" überhaupt noch? Da kann man doch Solidarität leben. Eigene Milch in eigene kleine Molkerei und dann in den lokalen Handel. Notfalls müsste man eine neue kleinteilige Struktur finanzieren, vielleicht über die Mehreinnamen von Milch-Board.
Irgendwie habe ich den Eindruck, dass die Bauern vergessen haben, dass man ein Holz viel leichter knickt als ein Bündel.
Praktisch unterscheiden sich Genossenschaftsmolkereien heute nicht von den privat geführten. Die Mitgliedschaft regelt sich über den Liefervertrag, wirklich geführt werden auch die meisten Genossenschaften von Managern mit industriellem Hintergrund.
Was nun nicht heisst, dass es automatisch immer so laufen muss. In den Alpen gibt es z.B. kleine Genossenschaften, die ihre Milch gemeinsam zu Käse verarbeiten und vermarkten.