Nach Lektüre der FEI (International Federation of Equestrian Sports) Pressemitteilung zur sog. Clean Sport Campaign, frage ich mich was nun schwerer wiegt: Die Zulassung diverser Substanzen zur Mediaktion im Pferdesport oder das hemmungslose Lobhudeln der "Progressive List" durch die Funktionäre?Vergangenen Donnerstag wurde auf der Jahrestagung des Weltreiterverbandes besagte Liste verabschiedet, die erlaubte Substanzen erhält, mit denen Pferde behandelt werden dürfen, ohne, dass dies als Doping gilt. Darunter sind auch zahlreiche Mittel, die bis dato aus gutem Grund verboten waren. Darunter Schmerzmittel, Entzündungshemmer, Schleimlöser, alles Substanzen die dazu taugen mit kranken oder verletzten Pferden an Wettkämpfen teilzunehmen, statt sie stehenzulassen, bis sie wieder gesund sind. Eigentlich ein Unding, dass die Interessen prestigesüchtiger Reiter und der Pharmalobby über das Tierwohl gestellt werden. Erlaubt sind zukünftig z.B.:
- Lactanase, eine Substanz die Milchsäure im Blut und den Muskeln abbaut und so Ermüdungserscheinungen unterdrückt, die eigentlich der Rekonvaleszenz des Pferdes dienen. Kling harmlos, ist es aber nicht: 2008 hat Marco Kutscher diese Substanz bei den olympischen Spielen seinem Pferd Cornet Obolenski verabreicht, das daraufhin einen Schwächeanfall erlitt.
- Dichloroacetat wirkt ebenfalls gegen die Übersäuerung und verhindert die Erholung des erschöpften Pferdes.
- Phenylbutazon, ein Schmerzmittel mit starken Nebenwirkungen. Damit kann ein Pferd trotz Schmerzen zum Wettkampf getrieben werden.
- Flunixin, ein Schmerzmittel und Entzündungshemmer. Wird ebenfalls eingesetzt um Pferde trotz Schmerzen zu reiten.
- Acetylsalicylsäure (Aspirin), ebenfalls Schmerzmittel, entzündungshemmend und fiebersenkend. Anwendung wie oben.
- Isoxuprin wirkt durchblutungsfördernd und schmerzmindernd. Es wird häufig bei Hufrollenentzündung eingesetzt. Ein Pferd mit dieser Erkrankung sollte nicht geritten werden.
- Acetylcystein (ACC), ein Schleimlöser, der z.B. bei Bronchitis eingesetzt wird. Dazu kann es u.a. durch Überlastung oder allergische Reaktionen kommen. Auch damit sollte kein Pferd in den Wettkampf gehen.
Um es klar zu sagen, für jedes der o.g. Mittel gibt es klare Indikationen, die es notwendig machen ein Pferd damit zu behandeln, alles andere wäre Tierquälerei. Jede dieser Indikationen ist aber Grund genug das Pferd nicht im Wettkampf einzusetzen. Das deutsche Tierschutzgesetz verbietet es sogar explizit, dass Tiere mit Medikamenten zu einer Leistung geführt werden, die sie ohne diese Medikation nicht erbringen können.
Insofern ist die "Progressive List" nicht nur ein moralisch grenzwertiges Instrument, sondern obejektiv ein Verstoss gegen das deutsche Tierschutzgesetz. Deutsche Reiter dürfen damit nach wie vor diese Substanzen nicht einsetzen. Vor dem Hintergrund stellt sich dann auch die Frage der Sportlichkeit, denn ähnlich drastische Bestimmungen gelten in einigen Ländern, längst aber nicht allen. Der sportliche Wettkampf zu Pferde wird damit zur Farce und das knappe Votum der Delegierten, 53 gegen 48 Stimmen, zeigt das auch.
Wie geht es weiter? Die deutsche reiterliche Vereinigung (FN), zeigt sich bestürzt über die Entscheidung der FEI und das zu Recht. Im deutschen Regelwerk gilt nach wie vor die "Null-Toleranz-Lösung", es sind also keine wirksamen Substanzen erlaubt. Das hat zwar auch seine eigenen Tücken und ist kein Schutz gegen Doping, aka Tierquälerei, im Pferdesport, hat aber bisher eindeutig klar gemacht, dass ein Verstoss auch Bestrafung folgen lässt. Es wird aber nicht lange dauern, bis sich die ersten Reiterinnen und Reiter über die Ungleichbehandlung beschweren. Man wird sehen was kommt, es bleibt zu hoffen, dass auf nationaler Ebene nicht auch die Interessen der Pharmalobby über die des Tierschutzes gestellt werden.
Um keine falsche Vorstellung aufkommen zu lassen. Doping im Pferdesport ist kein Phänomen des Profi- bzw. Spitzensports. Im Amateurbereich sind durchblutungsfördernde Linimente und Lactanase als "Stärkungsmittel" fast schon an der Tagesordnung. Man sehe sich nur einmal die Top-Seller in den einschlägigen Webshops für Pferdezubehör- und ernährung an. Irgendwer muss das ja auch kaufen und anwenden. Entdeckt wird es nur eben nicht, da es im Amateursport quasi keine Dopingkontrollen gibt und das Thema bei der Jungreiterausbildung regelmässig unter den Tisch gekehrt wird.







Dass es, wie im Artikel angesprichen keine Seltenheit ist, das gedopt wird, war mir vom Gefühl her schon immer irgendwie klar...es gab ja auch schon viele Fälle und Skandale in der Vergangenheit, die aufgedeckt wurden...und dann kann man sich ja vorstellen, wieviele es tatsächlich gibt, die unbeachtet geblieben sind...
Ich finde das nicht nur traurig...und auch keine "Skandalnachricht" in der Presse wert, sondern fände einen Boykott des Ganzen für angemessen. Es sollte einfach niemand mehr diese Turniere im "großen Stil" besuchen, ansehen oder mitspielen....keine Zuschauer, keine Presse.....irgenewann dann auch keine Turniere. Schade, dass es mittlerweile eh zu einem Event der Schönen und Reichen verkommen ist.