Angenommen es gäbe in Deutschland nur eine Gewerkschaft, deren Gründung staatlich gesteuert wurde und in deren Gremien würden neben Arbeitnehmern auch Arbeitgeber sitzen. Das hört sich zwar nach DDR an, war und ist teilweise heute noch Alltag in der Agrarpolitik der BRD. Die Rede ist vom Deutschen Bauernverband, der jahrzehntelang die Alleinvertretung der Bauern wahrnahm und damit die Landwirtschaft, wie wir sie heute kennen, geprägt hat. Alternativen gab es nur am äußersten Rand, etwa die ökologischen Anbauverbände und die Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL). Bei politischen Entscheidungen hatten sie allerdings nur wenig mitzureden. Wenn sich Landwirtschaftsminister und Agrarfunktionäre getroffen haben, saßen üblicherweise nur Vertreter des mächtigen Bauernverbands mit am Tisch.Diese absurde Situation hat 1998 zur Gründung des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM) geführt. Romuald Schaber, damals selbst Funktionär (Ortsobmann) beim Bayerischen Bauernverband (BBV), wollte sich nicht mehr damit abfinden, dass Agrarpolitik auf dem Rücken der Landwirte gemacht wird und deren Interessenvertreter nicht aktiv werden.
Zusammen mit anderen Milchbauern hat er die Dinge selbst in die Hand genommen und das bekannteste Ergebnis ist wahrscheinlich der Milchstreik von 2008. Leider wurde damit nur kurzfristig das Ziel eines höheren Milchpreises erreicht. Doch es gab auch langfristige Effekt. Der BDM und damit die Milchbauern haben sich Gehör verschafft. Sie werden mit an die Tische geladen, an denen bisher nur der Bauernverband das Bild der deutschen und europäischen Landwirtschaft prägen durfte. Gleichzeitig wurde eine eigene Vermarktungsschiene, die „Faire Milch“ aufgebaut, die den Erzeugern einen Milchpreis bringt, mit dem sie überleben können. Vielleicht am wichtigsten: Die Milchbauern haben erkannt, dass sie ein gemeinsames Ziel haben, das sie nur gemeinsam erreichen können.
Das klingt nach einer Erfolgsgeschichte. Allerdings eine mit Schattenseiten. Für viele Betriebe kam der Milchstreik nicht früh genug und sie haben schon lange dichtgemacht. Spätere Preisrunden haben den Milchpreis wieder in den Keller getrieben und waren so das Todesurteil für Höfe, die sich bis dahin nur mühsam über Wasser gehalten haben. Mitglieder des BDM und Schaber als dessen Aushängeschild sowieso, wurden persönlich angefeindet. Ihre Arbeit wird auch heute noch regelmäßig torpediert. Das schönste Beispiel ist da sicher das Kartellamt, das den Milchstreik von 2008 für illegal erklärt, gleichzeitig offensichtliche Preisdiktate durch den Einzelhandel und die Molkereien mit Wattebällchen bekämpft.
Daraus ergibt sich ein enormes Spannungsfeld, von dem Romuald Schaber in „Blutmilch“* schreibt. Auf den ersten Blick geht es um die Geschichte des BDM und die Vision einer selbstbestimmten Milchproduktion. Sie ist nicht von Subventionen abhängig und produziert keine Überschüsse, die als billig exportiertes Milchpulver, die Landwirtschaft in Entwicklungsländern ruiniert. Schaber gehlt so völlig das Talent zum Selbstdarsteller. Das ist an sich ein positiver Charakterzug und deswegen steckt seine persönliche Geschichte zwischen Zeilen, in Randbemerkungen und ein paar Bildern in der Mitte des Buchs. Wer also glaubt Romuald Schaber hätte mit „Blutmilch“* seine Memoiren geschrieben und würde sich jetzt auf den Austrag zurückziehen, muss leider enttäuscht werden. Er bleibt dran, oder wie im Allgäu gesagt wird „mir lond it luck“.
„Blutmilch - Wie die Bauern ums Überleben kämpfen“*, Pattloch Verlag, München 2010. 280 Seiten, gebunden, 18,- Euro.
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